Guter Journalismus ist nicht genug. Erfolgsstrategien für ein modernes Medienunternehmen
Christians Ungers Rede an der Kress-Konferenz 2011 in Hamburg
Ausgangslage und Status Quo der Branche / Digitale Revolution
- Ich erzähle Ihnen nichts Neues, wenn ich auf die drastischen Veränderungen in unserer Industrie hinweise. Diese Veränderungen haben uns hier zusammen gebracht, damit wir Ansätze diskutieren, welche Ideen und Strategien uns aus unserer Krise in eine bessere Zukunft führen können.
- Wir befinden uns gerade in einer digitalen Medienrevolution, die die nächsten Jahrhunderte prägen wird. Und als Medienunternehmen sind wir mehr als mittendrin – wir sind am Nabel dieser Entwicklung. Nur haben wir das wohl so richtig noch gar nicht verstanden. Denn alles dreht sich heute um Information, um Daten, um die Verbreitung von Inhalten.
- Und diese Verbreitung erfolgt immer schneller und immer mehr digital. Schrift auf Papier wird es zwar noch lange geben. Und so sollte uns auch das Printgeschäft noch lange erhalten bleiben. Aber die Zukunft gehört den digitalen Medien, und die Verschiebung dahin findet jetzt statt.
- Radio, TV, Internet, Soziale Medien, mobile Kommunikation – das sind keine kleinräumigen Entwicklungen, sie sind mindestens vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks und dessen Folgen.
- Dem müssen wir uns als Medienunternehmen stellen und entsprechende Strategien entwickeln, wenn wir langfristig überleben wollen.
Ökonomische Realität
- Die technologische Entwicklung ist der eine grosse Aspekt, der uns beschäftigen muss. Damit einhergehend müssen wir uns aber auch zwingend mit der Frage beschäftigen, wie sich dadurch das Verhalten der Informationsnutzer verändert, unserer primären Zielgruppe. Und gleichzeitig müssen wir die wirtschaftlichen Entwicklungen im Auge behalten, die unserer Industrie zusätzlich zu schaffen machen.
- Wir befinden uns in einem äusserst zyklisch reagierenden Geschäft, besonders was den Werbemarkt betrifft. Und die Ausschläge werden heftiger, die Erholungszeiten zwischen den zyklischen Tiefpunkten kürzer. Wir müssen uns aus dieser Falle befreien und unsere Erlösströme so anpassen, dass wir weniger von diesen Ausschlägen abhängig sind.
- Diversifizierung und Digitalisierung sind keine Zauberworte, sondern Notwendigkeiten für Medienunternehmen. Die Kunst des wirtschaftlichen Überlebens liegt in der Anpassungsfähigkeit. Konsequente Erweiterung der Wertschöpfungskette, Diversifiztierung in Stammgeschäfts- und informationsnahe Bereiche sollten für uns eigentlich längst Realität sein.
Verschiebung Nutzerverhalten / Total Audience
- Die Verschiebungen im Nutzerverhalten haben für Medienunternehmen zur Folge, dass wir die Nutzer nicht mehr in einzelnen Kategorien wie bisher einordnen, sondern – richtigerweise – beginnen, mit Total Audience Zahlen zu operieren. Wir scheinen also zumindest verstanden zu haben, dass die User sich auf allen Kanälen bewegen, und wir die Inhalte über alle Kanäle transportieren müssen.
- Bei Ringier weisen wir beispielsweise nun die Total Audience der Blick-Gruppe als überschneidungsfreie Netto-Zahl der Nutzer aller Print- und Online-Kanäle aus. Die Message: Mit dieser Marke kann heute eine viel breitere Zielgruppe viel genauer erreicht werden, als noch vor ein paar Jahren.
- Darin noch nicht einmal enthalten sind die User unserer mobilen Dienste, aber auch das ist an sich nur noch eine Frage der Zeit. Der Trend zeigt klar in Richtung Crossmedia und Total Audience. Deshalb verstehen wir bei Ringier Digital Publishing als Teil des Kerngeschäfts, zusammen mit Print.
Veränderung Medienbegriff und Nutzungsverhalten
- So verändern sich der Medienbegriff und das Mediennutzungsverhalten. Und damit muss sich auch das Selbstverständnis der Medienhäuser verändern. Qualitätsmedien, Informationsmedien, Unterhaltungsmedien, Boulevard, Soziale Medien… – alles wächst näher zusammen, auf offline-, online und mobilen Kanälen.
- Um dieser neuen Medienwelt zu entsprechen, haben viele Medienhäuser mittlerweile auch integrierte Newsrooms eingeführt, die kanalübergreifend operieren, oder stehen kurz davor. Bei Ringier haben wir mittlerweile integrierte Newsrooms in der Schweiz, Rumänien, Ungarn, der Slowakei oder Tschechien. Ein weiteres Zeichen dieser schnellen Entwicklung.
Medienhaus als Schnittstelle von Inhalten und Verbreitungskanälen/Technologieplayer waren schneller
- Das Medienhaus bildet die Schnittstelle von Inhalten und Verbreitungskanälen. Damit können wir die entscheidende Rolle des Ordners und Lieferanten der Informationen für unsere Nutzer spielen. Wir können punktgenau Informationen sortieren und aufbereiten, auf die Minute genau liefern, ortsunabhängig und doch geografisch genau dort, wo sich der Empfänger gerade befindet und die Information will – und in der Form, in der er die Information wünscht.
- Auf dieser Ausgangslage haben Medienunternehmen die besten Voraussetzungen, die Nutzer untereinander und mit den Informationen zu vernetzen, und zur primären Plattform des Informationsaustauschs zu werden.
- Doch haben dieses Potential bisher nicht die Medienhäuser ausgeschöpft, obwohl sie dafür prädestiniert gewesen wären. Sondern die dadurch gross gewordenen Technologieplayer wie Google oder Facebook. Da haben wir gewaltigen Aufholbedarf.
- Aber es ist nicht zu spät, Medienunternehmen haben immer noch hohe Kompetenz bezüglich der Informationsaufbereitung und Informationsvermittlung. Doch viel Zeit haben wir nicht mehr, wir müssen schnell handeln, wenn wir nicht noch weiter von den Technologieunternehmen verdrängt werden wollen.
Viele Medienunternehmen haben zu lange geschlafen/Kleinanzeigen/Groupon/DeinDeal
- Ja, die Verwerfungen sind heftig. Und die Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftszyklen und Technologieentwicklungen auf unsere Branche enorm. Das Veränderungstempo ist rasant / rassig, würden die Schweizer sagen.
- Aber trotzdem sollten wir zuerst vor unserer eigenen Haustüre kehren, bevor wir klagend mit dem Finger auf die makroökonomischen Entwicklungen oder die neuen grossen Herausforderer aus der Technologiebranche zeigen: denn einige der zentralen Probleme der Medienindustrie, davon bin ich überzeugt, sind hausgemacht!
- Fast alle Medienunternehmen haben viel zu lange geschlafen und sich zu wenig den neuen Verhältnissen angepasst. Denken Sie nur an das lange einträgliche Kleinanzeigengeschäft. Warum haben wir es denn nicht einfach auf die digitalen Kanäle überführt, als noch Zeit war? Warum sind denn uns Verlagen die vielen neuen tollen Internetvertikals wie Jobplattformen, Autobörsen, Immobilieneportale oder Online-Partnervermittlung nicht eingefallen, welche die Kleinanzeigen in unseren Printtiteln zum Sterben gebracht haben?
- Unsere schönen Kleinanzeigen, die unserem Printgeschäft so lange so erfreuliche Renditen beschert haben, gekillt von jungen Internetunternehmen – und wir haben zugeschaut… Das war vor 10 Jahren! Schauen wir immer noch zu, oder haben wir gelernt?… Ich bin mir nicht sicher.
- Gerade ist wieder so ein Ding entstanden – Groupon ist an die Börse, milliardenschwer, wieder so ein junger Typ, der nichts mit Verlagen am Hut hat. Wieder so ein Geschäft, wo viele von uns wohl heute immer noch sagen, das ist nicht werthaltig, das ist ein Hype und total crazy. Aber liebe Kollegen, v.a. die über 40jährigen unter Ihnen, die das vielleicht noch kennen: ist das nicht die Neuerfindung des guten alten Rabattmarkengeschäftes, nun in digitaler Form? Und wenn das so ist, warum ist es uns nicht eingefallen?
- Zumindest an dieser Stelle muss ich einmal unser Haus Ringier erwähnen; wir sehen das als eines unserer Kerngeschäfte in unserem Bereich der Diversifikationsaktivitäten und haben deshalb den Group-buying-Marktführer in der Schweiz, DeinDeal.ch gekauft. Als wohl erster Verlag in Europa haben wir auf Group-Buying gesetzt und sagen, dieses Modell macht nur als integrierter Bestandteil unseres Geschäfts Sinn, in Kombination mit unseren bestehenden Kundenbeziehungen.
Zukunftschancen/ Strategische Optionen/USPs
- Erstens sind es also die Inhalte, die ein Medienhaus stark machen. Zweitens die Möglichkeiten, diese über verschiedenste Kanäle in unterschiedlichster Form an die Nutzer zu spielen. Und drittens die Beziehungen, die wir zu den diversen Zielgruppen pflegen. Wer diese Faktoren richtig zusammen bringt, kann getrost nach vorne blicken.
- Die Zukunft gehört also den Medien, die auf allen möglichen Devices Mehrwert schaffen, für ihre User und ihre Kunden, die ein durchgehendes Angebot feil halten, und die den User thematisch, geografisch, zeitlich und community-bezogen immer dort abholen, wo er ist, und ihn so vernetzen, dass sofortiger Mehrwert für ihn entsteht.
- Was sind die strategischen Optionen, die sich aus diesen Erkenntnissen für ein Medienunternehmen ergeben? Wir müssen uns in erster Linie auf unsere Stärken besinnen, und uns dort Verstärkung holen, wo wir sie brauchen. Die USPs der Medienunternehmen und damit unser grösstes Potential in der Wertschöpfung sind vielfältig:
- Wir sind Spezialisten der Herstellung, Filterung, Veredelung, Aufbereitung, und Vermittlung von Inhalten und Informationen.
- Wir haben eine einzigartige Beziehung zu Nutzern (Leser, User, Zuhörer, Zuschauer) und kennen wesentliche persönliche Daten und Nutzungsvorlieben.
- Wir bauen auf lange Erfahrung in der Service-Erbringung für Werbetreibende und Produkteanbieter und sind die Schnittstelle zu deren Kunden, die auch unsere Erzeugnisse konsumieren.
Daten besser nutzen
- Aber, und das ist eine unserer grossen Schwächen: Medienhäuser sitzen auf diesen Daten und nutzen sie viel zu wenig. Bislang wurde im klassischen Werbegeschäft die Leser-/Userbasis primär punkto Reichweite an die Werbetreibenden verkauft. Weiteren Faktoren wie Geschlecht, Alter, Wohnort oder Vorlieben wurden nur wenig berücksichtigt.
- Heute bedienen sich moderne Medienhäuser dieser Ressource zwar besser, und bauen darauf einen Teil ihrer Dienste auf. Aber wiederum schneller waren die Technologieunternehmen, haben zu grossen Teilen die Nischen besetzt und Targeted Advertising zu Goldgruben entwickelt.
Vier strategische Hauptpunkte für Verbesserungen
- Hier können wir, müssen wir einen noch viel besseren Job machen – und wir werden durch die digitale Medienrevolution auch dazu gezwungen. Aus meiner Sicht sind es vor allem vier Punkte, an denen wir ansetzen können:
- Konsequente Nutzung der eigenen Assets (Informationskompetenz, Nutzerbeziehungen, Reichweite über Total Audience, Datengrundlage) zum Aufbau neuer Geschäftsmodelle.
- Insbesondere Aufbau und Stärkung der erfolgreichen Marken zur weiteren Userbindung über alle Kanäle. Dabei können die Marken über Line Extensions in Print, Online und elektronischen Medien (Blick Gruppe, Energy), aber auch durch Events (Energy Stars for Free, Energy Fashion Night) oder sogar Produkte (Bild Volksprodukte) erweitert werden.
- Identifizierung der strategischen Potentiale in den Bereichen Digitalisierung und Diversifizierung zur Realisierung zusätzlicher Wertschöpfung.
- Eingehen von Partnerschaften wo sinnvoll und möglich, eine Bündelung der Kräfte macht bei manchen Geschäften viel Sinn. Bei Ringier haben wir zum Beispiel die Aktivitäten in Mittel- und Osteuropa weitgehend in ein Joint Venture mit Axel Springer eingebracht, was beiden Partnern zu erheblich mehr Marktpower in dieser Region verholfen hat.
Zur Ringier Strategie
- Bei Ringier haben wir 2009 unsere neue Konzernstrategie auf diesen Erkenntnissen auf den drei Bereichen Publishing-Kerngeschäft, Digitalgeschäft und Entertainment aufgebaut und seither konsequent umgesetzt und weiter entwickelt. Ringier befindet sich gerade in einer Transformation vom traditionellen, print-orientierten Verlagshaus zum modernen, diversifizierten und integrierten Medienunternehmen. Diese Transformation ist unumgänglich, wenn Ringier in den nächsten Jahren weiterhin erfolgreich am internationalen Medienmarkt bestehen will.
Benchmarking / Was haben die Industrie-Leader besser gemacht
- Viele von Ihnen kennen diese Prozesse in der einen oder anderen Form, Beispiele davon werden wir heute während der Konferenz ja noch einige hören. Ich bin davon überzeugt, dass die unter Ihnen, die proaktiv die Veränderungsprozesse angehen, heute wesentlich besser aufgestellt sind und auch weniger betroffen sind von den aktuellen zyklischen Veränderungen.
- Wir haben vor ein paar Monaten eine interne Benchmarking-Studie machen lassen, die uns gezeigt hat, dass es zum Teil grosse Unterschiede im Entwicklungsstand der Europäischen Medienhäuser gibt. So weisen beispielsweise Unternehmen wie Schibsted, Axel Springer, DMGT oder Sanoma ein verhältnismässig hohes Umsatzwachstum respektive ein hohes EBITDA-Umsatz-Verhältnis aus. Was haben sie besser gemacht? Sie haben insbesondere verstanden, dass es eine viel breitere Wertschöpfungskette gibt für Medienunternehmen als wir sie heute gemeinhin nutzen. Und sie haben erkannt, dass kein Weg an der Digitalisierung vorbei führt.
- Diese Unternehmen haben vor allem auch konsequent und früh versucht, das Portfolio in ihren Unternehmen dahingehend zu erweitern. Und aus den Kerngeschäften Renditen erwirtschaftet, um sie gezielt durch Akquisitionen und auch durch Joint Ventures zum Ausbau neuer Geschäftsmodelle zu nutzen.
Konzentration auf User / Mut zum Risiko
- Trotzdem geht es der Medienindustrie gesamthaft nicht entscheidend besser. Denn zu viele Medienhäuser nutzen heute leider immer noch viel zu wenig ihres wirklichen Potentials. Bei all den Geschäften geht es immer um den gleichen Endkunden. Wir, die Medienhäuser, müssen das Zentrum seiner Mediennutzung werden – egal auf welchem Kanal und egal mit welchem Geschäftsansatz.
- Unsere Marken müssen ihn in seiner Mediennutzung abholen und wir müssen zentral den Ueberblick behalten, was er wann wie und wo nutzt, um unseren Kunden so genau zu kennen, dass wir ihn mit anderen Medieninhalten und Geschäften bedienen können. Also: Brands mit multiplem Angebot, die wir im Hintergrund an der Mediennutzung des Kunden entlang steuern.
- Dafür braucht es den Mut zum Risiko. Und die Bereitschaft, Dinge auszuprobieren und Rückschläge einzustecken. Wir müssen bereit sein Fehler zu machen, um Neues zu lernen. Nur so werden wir uns schnell weiter entwickeln können und die erfolgreichen neuen Modelle finden. Wir müssen Pioniergeist zeigen – so, wie es die erfolgreichen Medienunternehen immer getan haben.
Zusammenfassung
Lassen Sie mich kurz zusammen fassen, was ich Ihnen im wesentlichen darlegen wollte:
- Wir befinden uns inmitten der digitalen Medienrevolution, und wir sind massgeblich daran beteiligt. Das ist eine grosse Chance für Medienunternehmen.
- Digitalisierung und Diversifizierung sind für Medienhäuser keine optionalen Zusatzgeschäfte, sondern überlebenswichtige Notwendigkeiten.
- Wir dürfen uns nicht länger von den Technologieunternehmen die Butter vom Brot nehmen lassen.
- Wir haben alle Voraussetzungen, um uns erfolgreich in dieser Entwicklung zu bewegen. Aber wir müssen dazu unser eigenes Potential konsequent ausschöpfen:- Unsere Kompetenz als Informations-drehscheibe
- unsere Beziehung zu den Zielgruppen wie Nutzern und Werbetriebenden, aber auch Produkteanbietern
- und unsere Möglichkeiten, diese Drehscheibenfunktion dazu zu nutzen, die Zielgruppen untereinander und mit den Informationen zu vernetzen.
- Trotz der neuen Möglichkeiten sollten wir uns als Medienhäuser treu bleiben und die zusätzlichen Geschäftsmodelle entlang unserer momentanen Tätigkeiten entwickeln. Auch wenn wir unsere Wertschöpfungskette verlängern, bleiben wir Medienhäuser. Denn der Medienbegriff wandelt sich gerade und wird breiter gefasst.
- Wir müssen unsere Medien als Marken führen und im Zentrum der Informationsnutzung des Users stehen.
- Wir müssen den Mut zum Risiko haben, um neue erfolgreiche Modelle zu finden.
Wenn wir das schaffen, dann hat die Medienindustrie eine hervorragende Zukunft! Ich freue mich auf anregende Diskussionen mit Ihnen und wünsche Ihnen allen eine spannende und erfolgreiche Konferenz.